Ein Stück Allmendgeschichte in Altdorf
Die eingeschlossene Allmend von Altdorf liegt unterhalb der Strasse nach Seedorf, herwärts der Reuss und der Allmendgärten. Die Liegenschaft gehört der Korporationsbürgergemeinde Altdorf und wird verpachtet. Einst war die Allmend viel ausgedehnter und bestand aus teils sumpfigem Land in der Nähe der Reuss, das zudem von verschiedenen Wassergräben durchzogen war. Ein Stück Allmendgeschichte im Fokus.
Von Hans Stadler-Planzer
Die eingeschlossene Allmend war ursprünglich Teil der Gemeinmarch Uris, wie ale übrigen Allmendteile im Boden. Wahrscheinlich wurde sie schon seit langem in erster Linie von den Altdorfern benützt. So kam es, dass die Landsgemeinde 1559 die Weide den Altdorfern zum Sondernutzen zuwies. Das Vieh aus dem Hauptflecken war seither ausschliesslich zum Weidgang berechtigt. Die Altdorfer durften ihre Allmend umzäunen und abschliessen, daher auch die Bezeichnung «Eingeschlossene Allmend». Später ging die Weide sogar sang- und klanglos ins Eigentum von Altdorf über. Bei der Ausscheidung von Einwohner- und Bürgergemeinde 1913 fiel sie der Korporationsbürgergemeinde zu.
Pro Altdorfer Haushalt zwei Kühe
Doch die eingeschlossene Allmend galt noch bis ins 20. Jahrhundert als eigentliches Allmendland und wurde nach den rechtlichen Bestimmungen einer Heukuhweide genutzt. Jeder Altdorfer Haushalt, in dem Korporationsgenossen wohnten, durfte zwei Kühe darauf auftreiben. Jeden Morgen sammelte der Kuhhirt von Haus zu Haus seine Herde und zog mit ihr auf die Allmend. Abends führte er die Kühe wieder ins Dorf zurück und gab sie den Eigentümern zum Melken und Ubernachten. Das uralte, auf der mittelalterlichen Flurverfassung beruhende System hielt stand, bis um 1920 die Melioration der Reussebene mit ihren hohen Kosten, die grossteils von den Eigentümern nach dem Bomatsystem aufgebracht wurden, eine effizientere Nutzungsweise verlangte. Es wurde öffentlich und heftig diskutiert. Soll die Heukuhweide weitergeführt werden? Oder soll man zum Pachtsystem übergehen? Soll die ganze Weide verpachtet, oder soll sie parzelliert, in grösseren oder kleineren Stückchen vergeben werden?
Josef Walker - umsichtiger Sammler
Im Archiv der Korporationsbürgergemeinde sind die Stimmen aus dieser Zeit aufbewahrt. Die wertvolle Dokumentation wurde von Gemeindeschreiber Josef Walker angelegt. Josef Walker war während 52 Jahren im Dienste Altdorfs. Als Gemeindeschreiber, der damals auch das Sekretariat der Bürgergemeinde betreute, erlebte Josef Walker mehr als eine Generation in einer Epoche, die - im Vergleich zu den vorangehenden Zeiten - von geradezu stürmischen Entwicklungen und Veränderungen geprägt war. Die Umgestaltung der eingeschlossenen Allmend ist geradezu symptomatisch für das Geschehen. Umsichtig sammelte Josef Walker die Schriftstücke. Noch 1925 liess er von Schreinermeister J. B. Berther einen Aktenschrank anfertigen, der als Archivablage diente und sich noch heute im Gemeindehaus Altdorf befindet. Als Josef Walker 1933 im Alter von 80 Jahren starb, trauerte die ganze Gemeinde. Altdorf hatte eine der markantesten Gestalten verloren. Als Nachfolger wählte das Volk Dr. Josef Huber, der seither für längere Zeit dem Geschehen im Gemeindehaus den Stempel aufdrückte. - Josef Walker griff selber in die Diskussion um die eingeschlossene Allmend ein und richtete am 17. November 1920 eine längere Eingabe an den Bürgerrat. Sie trägt den Titel: «Auch ein Vorschlag zur künftigen Bewirtschaftung der einbeschlossenen Allmend».
Eingabe an den Bürgerrat
Lassen wir den Autor selber sprechen: «Die bisherige Nutzungsweise diente dem Zweck, Kühen, die über den Sommer zu Hause, im Eigen gesömmert wurden, eine billige Weide (Heimkuhweid) zu bieten. In einigen andern Gemeinden dient nächst gelegene Allmend demselben Zweck. In der Gemeinde Altdorf ist solche Allmend nur in der einbeschlossenen vorhanden und ist dafür gesetzlich beansprucht und verwendet worden. Viele Landwirte möchten diese Nutzungsart beibehalten, weil sie einfach, bequem und billig ist. Sie entspricht aber nicht mehr dem begründeten Bestreben, möglichst grossen Nutzen aus dem Lande zu ziehen, weil diese Art der Nutzung den Ertrag nicht fördert, sondern nur mindert, den Boden nicht verbessert, sondern verschlechtert, immer weniger ertragsfähig macht.», Josef Walker schlägt im Interesse der: zahlreichen Viehbesitzer, aber auch der Konsumenten, die auf ausreichende und billige Versorgung mit Milch angewiesen sind, eine neue Nutzungsweise vor. «Bisher haben durchschnittlich 35 Viehbesitzer je zwei Kühe aufgetrieben, je 40 Tage lang in drei Malen. Viele taten es, weil es konvenierte, viele aus Gewohnheit, wenige aber wegen nützlichem Vorteil. Man darf daher die Zahl der Landwirte, die mit Nutzen an der Einbeschlossenen partizipieren, wohl auf 25 herabsetzen. Diese würden sich nun in die Komplexe auf eine Anzahl Jahre teilen. Es würde so auf einen rund 4500 Quadratmeter treffen: je ein Mättelein, grösser als das Kirchenmättelein oder Müller-Stiegers Hausmättelein, ungefähr so gross wie Dr. Vinzenz Müllers Hausmättelein, nicht ganz so gross wie Sepp Arnolds Baumgärtlein.»
Eine Gutswirtschaft nach Wahl
Die einzelnen Mättelein wollte Josef Walker nicht einzäunen, sondern nur abmarchen. Die Nutzniesser könnten wählen: heuen und emden und das Futter in den Hausstall führen; oder das Gras mähen und im Stall auf der Eingeschlossenen verfüttern. «Es betreibt also da jeder eine kleine Gutswirtschaft nach seiner Wahl, um in der Weise möglichst viel aus dem Boden zu gewinnen. Selbstverständlich muss wacker gedüngt werden. Im Herbst soll eine gemeinsame Atzung stattfinden. Dann müsste der Boden in Ruhe gelassen werden. Vielleicht könnte ein gemeinsamer Weidgang während kurz bemessener Zeit auch im Frühling stattfinden. Der Gedanke des offenen Weidganges ist bemerkenswert. Gemeinsamer Weidgang, heute unvorstellbar im Talboden, war damals offenbar noch nicht ganz fremd. Bekanntlich herrscht der gemeinsame Weid gang im Herbst noch heute im Urserntal. Josef Walker schlug vor, die Parzellen für einige Jahre zu versteigern, zu verpachten oder auch aus freier Hand an den Mann zu bringen. «Der Grundgedanke dieses Systems ist, dass jeder zu einer kleinen Parzelle kommen könnte,dass die Einbeschlossene nicht in die Hände weniger gelangen würde. Ein Kleinbetrieb für die Kleinen. Es ist für die Vielheit der Landwirte, nicht für wenige.»
Kerngedanke der Allmend
Natürlich war ein solches System nicht ganz ohne Tücken und schloss erheblichen administrativen Aufwand ein. Dessen war sich Josef Walker bewusst. Deshalb fasste er eine Verpachtung in grösseren Parzellen als Alternative ins Auge. Wichtiger schien ihm, dass die Milch vorrangig für die Konsumenten von Altdorf gebraucht werden musste. Dahinter steckt der Kerngedanke der Allmend, dass sie jedem Genossen zu Nutzen sein muss. Deshalb forderte Josef Walker: «Auf alle Fälle muss die Bedingung gemacht werden, dass die auf oder durch die Einbeschlossene produzierte Milch den Konsumenten in Altdorf zu gut kommen soll und nicht in andere Gemeinden verführt werden darf.»
Der Geist der neuen Zeit nahm eine fast ebenso entschiedene Stellung ein. Denn Josef Walker schliesst mit den Sätzen: «Die frühere Allmendordnung sollte unter keinen Umständen mehr zur Anwendung gelangen. Es wäre schade um die vielen Kosten der Melioration, sie ist überlebt, hat sich abgewirtschaftet.»
Unvermeidliche Rationalisierung der Nutzungsweise
Und wie ging es aus? Man ist tatsächlich nicht mehr zur Ordnung der Heukuhweide zurückgekehrt. Doch auch das von Josef Walker favorisierte System der kleinen Mättelein für viele, ein Gedanke aus der Zeit, in der das korporativ-genossenschaftliche Denken immer noch vieles durchdrang, und in der die kleinen Strukturen der Selbstversorgungswirtschaft auch für die Einwohner von Altdorf bestimmend waren, konnte sich nicht mehr durchsetzen. Die Einbeschlossene wurde fortan in grösseren und kleineren, immerhin recht ansehnlichen Stücken von durchschnittlich 3 Hektaren Fläche verpachtet. In neuerer Zeit wurden die Parzellen gleich wie überall - grösser, damit die Anschaffung von teuren Maschinen sich eher rechtfertigte. Die Rationalisierung der Nutzungsweise der «Einbeschlossenen Allmend» war wohl unvermeidlich. Mit ihr ging jedoch auch ein Stück der uralten, mittelalterlichen Flurverfassung in der Reussebene unter.